09. November 2011

Inneres Leuchten

Trotz seiner prominenten Lage, nur wenige Meter vom Mailänder Dom entfernt, war der Palazzo dell’Arengario in den vergangenen Jahrzehnten im öffentlichen Bewusstsein wenig präsent und wirkte abweisend. In der typischen monumentalen Formensprache der späten dreißiger Jahre errichtet, wurde das Gebäude erst in den 1950er-Jahren fertiggestellt. Mit ihren monumentalen Rundbögen bilden die beiden kubischen Vorbauten eine machtvolle städtebauliche Geste.

Vor allem am Abend lässt sich der umgebaute Palazzo dell’Arengario hinter die Kulisse blicken. Durch das feinfühlige Zusammenspiel aus Licht und Architektur bieten sich für die Passanten auch von außen spannende Einblicke [Bild: Zumtobel Lighting GmbH]

Die Zugänge zu den Ausstellungssälen sind mit flächigen Lichtmodulen gestaltet, die wie große leuchtende Türrahmen wirken. Die Besucher werden, wie hier in der Eingangshalle, durch die „Lichtportale“ elegant in die einzelnen Räume geleitet [Bild: Zumtobel Lighting GmbH]

Um einen ruhigen Hintergrund für die Kunstwerke zu schaffen, wurden Wände und Böden in einheitlichen Grundfarben gehalten. Die Lichtdecke Cielos gewährleistet eine angenehm diffuse und homogene Ausleuchtung der Räume [Bild: Zumtobel Lighting GmbH]

Eine spiralförmige Rampe schraubt sich in der Mitte des Museumbaus nach oben. In Decke und Brüstung integrierte LED-Spots verwandeln die Spirale in ein faszinierendes Lichtobjekt [Bild: Zumtobel Lighting GmbH]

Von den Ausstellungsräumen der zweiten Etage führt eine Rolltreppe in den obersten Raum des Arengario-Turms, in dem Werke von Lucio Fontana ausgestellt sind. Durch die raumhohe Verglasung eröffnen sich dem Besucher zudem fantastische Ausblicke auf die umliegenden Gebäude [Bild: Zumtobel Lighting GmbH]

Den Raumstrukturen folgend wurden die Lichtdecken Cielos entweder quadratisch oder in Form linearer Lichtbänder angeordnet. Für eine optimale und effiziente Nutzung der Leuchten kommt das Lichtsteuerungssystem Luxmate Litenet zum Einsatz [Bild: Zumtobel Lighting GmbH]

Die Stadt Mailand erkannte das räumliche Potenzial dieses zentralen Ortes für ihre umfangreiche Sammlung italienischer Kunst des 20. Jahrhunderts. Den Wettbewerb für den Umbau der früheren Büro- und Ausstellungsräume zum „Museo del Novecento“, das auch den rückseitigen lang gestreckten Gebäudeflügel und die zweite Etage des Palazzo Reale umfasst, gewann die Planungsgruppe unter der Leitung des Mailänder Architekten Italo Rota. Sein Entwurf verbindet die Bestandsgebäude zu einem vielschichtigen Museum, das die baulichen Zeitzeugen integriert, sie durch zeitgenössische Eingriffe ergänzt und zur Stadt öffnet.



Obwohl in der Fassade kaum verändert – nur die vermauerten Rundbogenfenster im Mittelgeschoss wurden verglast – wirkt der turmartige Vorbau am Domplatz nun am Abend wie ein transparentes Gehäuse, das wie hinterleuchtet erscheint und Einblicke in sein neues Innenleben gewährt. Hinter der großflächigen Verglasung zeichnen sich Eingangsrampe und Café ab, darüber strahlt Lucio Fontanas Lichtinstallation „Struttura al neon“ bis auf den Domplatz. Für diese neue Offenheit wurde der Bau großteils entkernt und in frei zugänglichen Zonen neu organisiert. Eine dynamische, spiralförmige Rampe schraubt sich um den zentralen Stahlbetonkern nach oben und führt die Besucher vom museumseigenen U-Bahn-Zugang auf einem aquamarinfarbigen Laufsteg zu den Ausstellungsräumen.

Die Glasfassade, welche die Rampe umhüllt, gibt Ein- und Ausblicke frei, die sich ähnlich einer Filmsequenz bei jedem Schritt verändern. Das Lichtkonzept der Rampe mit punktförmigen Leuchten betont dieses Voranschreiten, verstärkt räumliche Wirkung und Leichtigkeit der architektonischen Geste. In zwei Varianten folgen die Lichtpunkte den geschwungenen Flächen: deckenintegrierte Downlights zeichnen den Weg nach und beleuchten die Rampenfläche, kleine LED-Spots an der Brüstung strahlen blau-grünes Licht nach innen. So wird die Spirale zu einem Lichtobjekt, das die Passanten beinah suggestiv anzieht und ein Zeichen für die Moderne des 20. Jahrhunderts setzt.

Licht als Gestaltungsmittel spielt auch an den Nahtstellen der unterschiedlichen Museumsbereiche eine wichtige Rolle. So kennzeichnen „Lichtportale“ die Eingänge in die Ausstellungssäle: flächige Lichtmodule fungieren hierbei quasi als Türrahmen und betonen die Übergänge in  die introvertierten Galerieräume. Der Hauptsaal in der Beletage überrascht mit monumentalen Marmorsäulen und seiner reich dekorierten Decke, er ist den Futuristen um Umberto Boccioni gewidmet. Die kleineren Ausstellungsräume des Arengario-Flügels wurden komplett neu gestaltet. „Unser Ziel war, einen ruhigen Raumeindruck, mit sanften, neutralen Farben und homogener Lichtsituation zu schaffen – denn die Hauptrolle spielen die Kunstwerke“, erläutert der Architekt Alessandro Pedretti, der für die Innenraumgestaltung und die Lichtplanung des Studio Italo Rota projektverantwortlich zeichnet.

Wände und Böden sind Ton in Ton gehalten, neue Präsentationsflächen und Stelen nach den Entwürfen der Architekten fügen sich in dezent-elegantem Weiß und Grau in die Räume. Die Lichtdecke Cielos sorgt für eine gleichmäßige, diffuse Grundbeleuchtung; entsprechend der Raumgrundrisse sind ihre Module als lineare Lichtbänder oder quadratisch angeordnet. Geregelt wird die gleichmäßige Beleuchtung der Säle mithilfe des zentralen Lichtsteuerungssystems Luxmate. Im Unterschied zum flächigen Deckenlicht der Galerien sind die Erschließungsbereiche mit vertikalen Lichtlinien erleuchtet, die flächenbündig in die Wände integriert sind.

Verbunden sind die Ausstellungsebenen durch Rolltreppen in einem neuen Bauteil am Ende des Arengario-Flügels. Hier lässt die vollständig verglaste Fassade die Spitzbogenfenster des Palazzo Reale zum Greifen nah erscheinen. In der obersten Etage des Arengario-Turms öffnet sich ein lichtdurchfluteter Raum mit den Werken Lucio Fontanas und fantastischem Panorama über den Domplatz. Auch von der neuen gläsernen Verbindungsbrücke, die in luftiger Höhe zum Palazzo Reale führt, bieten sich erstaunliche Perspektiven auf die Umgebung. Sogar in den introvertierten Ausstellungsgalerien bleiben die Stadt-Bilder präsent, etwa in dem kleinen Seitenkabinett, durch dessen Glasdach die Madonnina-Statue vom Domturm in die Galerie blickt.

Der Rundgang durch die 400 Werke umfassende Sammlung von Futurismus bis zur Arte Povera wird zum Spaziergang durch die Stadtgeschichte: Durch immer wieder – bewusst wie Bilder – platzierte Ausblicke inszeniert der Umbau die Stadt wie ein Stillleben, in dem Architektur aus unterschiedlichen Jahrhunderten präsent ist, vom gotischen Dom bis zu den Bankgebäuden unserer Zeit. Nach dem Umbau zum Museum bietet der Palazzo dell’Arengario als steinerner Zeuge aus der „Duce“-Zeit nun selbst einen weiteren Beitrag im historischen Stadtgewebe und verbindet Alt und Neu zu einer erleuchteten Einheit.




 
 

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