05. März 2019

Tintorettos Wiederentdeckung des Lichts

Subtile Beleuchtung für die Scuola Grande di San Rocco - Für den Großen Saal der Scuola Grande di San Rocco in Venedig wurde ein Beleuchtungskonzept entwickelt, das der Kunst Tintorettos alle Ehre macht. So detailgenau ließen sich seine Gemäldezyklen an diesem Ort nie zuvor rezipieren. Die Beleuchtung lenkt den Blick auf das Wesentliche und stimmt kontemplativ.

Das Gebäude der Scuola Grande di San Rocco im venezianischen Stadtteil San Polo geht auf das 16. Jahrhundert zurück. Zusammen mit der kleinen Schule (Scuoletta) und der Kirche ist es im Besitz der Bruderschaft [Bild: iGuzzini illuminazione S.p.A.]

Warm-weiße Strahler (3.000K) bringen die vergoldete Decke sowie die Decken- und Wandgemälde Tintorettos mit ihren beeindruckenden Hell-Dunkel-Effekten zum Leuchten [Bild: iGuzzini illuminazione S.p.A.]

Das Konzept von dem Architekten und Lichtdesigner Alberto Pasetti Bombardella ist aufgegangen: die Leuchten verschmelzen mit der Architektur. Die Konzentration des Besuchers richtet sich störungsfrei auf die Kunstwerke und den Raum [Bild: iGuzzini illuminazione S.p.A.]

Die historischen Standlaternen wurden mit LED in RGBW Technologie aufgerüstet. Ihr weißes Licht ist so warm, das es an das Glühen der Kerzen erinnert, mit denen sie ursprünglich bestückt waren [Bild: iGuzzini illuminazione S.p.A.]

Die Wandgemälde werden von unten mit speziell für die Scuola Grande entwickelten Leuchten (iGuzzini) erhellt, die an einer Miniatur-Niedervoltstromschiene montiert sind. Sie heben Tintorettos Hell-Dunkel-Effekte subtil hervor [Bild: iGuzzini illuminazione S.p.A.]

Miniaturisierte Palco-Strahler von

1478 wurde in der Republik Venedig die Scuola Grande di San Rocco als eine der „Scuole dei Battuti“ gegründet. Die Mitglieder dieser „Schulen der Geschlagenen“ geißelten sich selbst als Akt der Buße. Im Vergleich zu den anderen Schulen, die alle aus Mitte des 13. Jahrhunderts entstandenen Bruderschaften hervorgingen und im frühen 15. Jahrhundert stark verbreitet waren, entwickelte sich jener Typus zu der ihresgleichen bedeutendsten Institution, die fortan den Namen „Scuola Grande“ tragen sollte. Von den Ende des 16. Jahrhunderts existierenden sechs Großen Schulen ist die Scuola Grande di San Rocco – benannt nach dem heiligen Rochus von Montpellier, dem Schutzpatron bei Pest und Seuchen – die einzige, die den Fall der Republik Venedig überstanden hat.



Heute hat die Bruderschaft, die ihr großes Kapital seinerzeit unter Napoleon eingebüßt hat, jedoch nach wie vor Besitzer des San-Rocco-Ensembles imvenezianischen Stadtteil San Polo ist, mehr als 300 Mitglieder. Wie vor über 500 Jahren stehen sie im Dienst der Wohltätigkeit, die seinerzeit Gründungszweck der Schulen war. Und sie bewahren auch ihr bemerkenswertes künstlerisches Erbe, zu dem neben der Kirche sowie der kleinen und der großen Schule am Campo dei Frari mehr als 60 Decken- und Wandbilder von Tintoretto zählen.

Mit zwei großen Ausstellungen feierte die Lagunenstadt im letzten Jahr den 500. Geburtstag ihres großen Malersohnes Jacopo Robusti, bekannt als Tintoretto. Ein guter Grund, die 33 Gemälde im großen Saal der Scuola Grande in ein neues Licht zu stellen. Über die Jahrhunderte war der Raum nur spärlich von natürlichem Licht und später zusätzlich von mit Kerzen betriebenen, die Längsfassaden und die rückwärtige Wand flankierenden Stehlaternen erhellt worden. Das hatte schon die Schriftsteller John Ruskin und Henry James im 19. Jahrhundert wiederholt zu der Feststellung veranlasst, wie dunkel es in der Scuola Grande sei. Erst 1937 sollte eine elektrische Beleuchtung Einzug in den Großen Saal halten. Damit beauftragt war der Universalkünstler Mariano Fortuny, der u.a. das indirekte Licht für die Bühnenbeleuchtung erfunden hatte. Zur Erhellung der Deckengemälde in San Rocco positionierte er im großen Saal Stehleuchten mit umgedrehten Parabolschirmen.

Historische Fortuny-Leuchten mit neuester LED-Technologie
Die Idee von Fortuny dachten der italienische Architekt und Lichtdesigner Alberto Pasetti Bombardella und der Hersteller iGuzzini, die beide seit vielen Jahren Expertenstatus in der Beleuchtung von Kunstwerken genießen, weiter und definierten die historischen Standleuchten als einen von drei Hauptinstallationsbereichen der neuen Beleuchtungsanlage. Ein weiterer befindet sich, wie schon im Bestand, am Boden hinter der Balustrade des Altars. Der dritte Hauptinstallationsbereich, eine miniaturisierte Stromschiene an den Längsseiten des Saals, kam neu hinzu.

Ziel der lichttechnischen Ertüchtigung war zum einen die Konservierung der Meisterwerke, zum anderen eine Optimierung der Rezeptionsbedingungen nicht nur hinsichtlich der Gemälde, sondern auch in Bezug auf die Architektur des Raumes und dessen Dekoration. Außerdem sollte das Licht im Vergleich zu vorher heller sein und über ein reicheres Spektrum verfügen, um die Besonderheiten, die kleinsten Details und Farbnuancen jedes einzelnen Kunstwerks deutlicher werden zu lassen. Besonders wichtig war den Planern eine vollkommene Integration der Leuchten in die Architektur.

Die historischen Fortuny-Leuchten nehmen heute View-Strahler von iGuzzini auf. Mit 16°, 28° und 46° Optiken inszenieren sie die drei Hauptwerke der insgesamt dreizehn Deckenbilder und ermöglichen eine verfeinerte Wahrnehmung, während View-Strahler mit Opti-Linear-Optik für die Aufhellung der gesamten Deckenfläche und damit auch für wohldosiertes indirektes Raumlicht sorgen.

Für die Wandgemälde entwickelte iGuzzini eine neue Leuchte
Zur Beleuchtung von Tintorettos Wandgemälden und der 23 allegorischen Holzskulpturen des Bildhauers Francesco Pianta wurden an den Längsfassaden unterhalb der Wandbilder kaum sichtbare miniaturisierte Stromschienen montiert, die zwei Typen von Strahlern aufnehmen. Winzige Palco-Strahler, die mithilfe von Abstandshaltern eine Distanz von 45 cm zur Wand halten, beleuchten die Skulpturen mit ausbalancierten Lichtströmen von zwei Seiten und heben ihre Plastizität hervor. Zur Beleuchtung der Wandgemälde entwickelte iGuzzini eine von unten nach oben strahlende Leuchte, deren Lichtverteilung und chromatische Zusammensetzung exakt berechnet wurden. Das die Gemälde sanft streifende Licht leuchtet die komplette Bildfläche unter Vermeidung von Reflexionen aus und gibt die Farben, Details und subtilen Hell-Dunkel-Effekte hervorragend wieder. Für die Beleuchtung der Wand- und in Gold eingefassten Deckenbilder wählten die Planer auf Empfehlung des Ministeriums für das Kulturerbe eine Farbtemperatur von 3000 K. Die dunklen Holzvertäfelungen und allegorischen Darstellungen hingegen werden mit 2700 K beleuchtet, um die Materialität zu betonen.

Die Schränke links und rechts des Altars werden sanft von zwei Komponenten erhellt, die als Bodenstrahler in Niedervolt-Schienen montiert sind. Palco-Strahler mit 42° Optiken beleuchten diffus die Holzoberflächen und Palco-Framer betonen die Plastizität der 24 Flachreliefs, die der Holzbildhauer Giovanni Marchiori zwischen 1741 und 1743 u.a. zur Darstellung wesentlicher Lebensstationen des heiligen Rochus kreiert hat. Die historischen Laternen, die wie ein fester Bestandteil des Raums wirken, wurden beibehalten und aufgerüstet. Speziell entwickelte opale runde Leuchtmittel in RGBW-Technologie ersetzen die früheren Energiesparlampen. Ihr besonders warm-weißes Licht   (2 500 K) erinnert an den Schein der Kerzen, mit denen die Laternen ganz zu Anfang bestückt gewesen waren. Das farbige RGBW-Licht kommt ausschließlich bei besonderen Anlässen und Zeremonien zum Einsatz.

Szenische Beleuchtung unterstützt die Rezeption
Ein ganz besonderer Kunstgenuss bietet sich dem Betrachter, wenn der große Saal szenisch beleuchtet wird. Mittels DALI lassen sich aufmerksamkeitsstark ausschließlich die Decke oder einzelne Wandgemälde ins Licht setzen. Darüber hinaus können die Lichtintensitäten variiert werden. Dadurch erhält der Rezipient die Möglichkeit, sich auf ein einzelnes Bild oder auf eine zusammenhängende Abfolge zu konzentrieren.
Aus Demut vor dem heiligen Rochus und aus dem Wunsch einer Fertigstellung der ursprünglich nicht dekorierten Scuola Grande heraus hat Tintoretto sämtliche Bilder unter Verzicht auf ein Honorar gemalt. Außerdem hat er versprochen, jedes Jahr zum Namenstag des Heiligen drei weitere Bilder zu liefern. Vielleicht war das der Auslöser für iGuzzini, der Bruderschaft ebenfalls ein Versprechen zu geben. Im Rahmen seines Engagements für die Aufwertung des Weltkulturerbes unter dem Motto Light is Back hat sich das Unternehmen verpflichtet, die neue Beleuchtungsanlage in Anbetracht zukünftiger technologischer Fortschritte weiterhin aufzurüsten und zu pflegen. Es ist allerdings kaum vorstellbar, dass die jetzt realisierte Beleuchtungssituation, welche die Erhabenheit der großen Kunstschätze inszeniert und bei den Rezipienten nicht nur die Lust am Entdecken, sondern auch eine sehr emotionale Seite weckt, noch zu überbieten ist.




 
 

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