01. November 2020

Projekt des Monats
November 2020

Oscar Niemeyer Sphere - Die glühende Kugel

Nach einer Planungs- und Bauzeit von sieben Jahren sowie intensiven Abstimmungen zwischen dem brasilianischen Büro in Rio de Janeiro, den lokalen Architekten und einem engagierten Bauherrn ist der 2011 entstandene Entwurf von Oscar Niemeyer nun in Leipzig Realität geworden. Niemeyer ist ein Meister der Kurven. Genau diese zeichnen die Lichtplaner von Licht Kunst Licht im Inneren und Äußeren der Oscar Niemeyer Sphere nach.

Niemeyer ist ein Meister der Kurven. Genau diese zeichnen die Lichtplaner von Licht Kunst Licht im Inneren und Äußeren der Oscar Niemeyer Sphere nach [Bild: Margret Hoppe/ Sebastian Stumpf]

Nach einer Planungs- und Bauzeit von sieben Jahren ist der 2011 entstandene Entwurf von Oscar Niemeyer nun in Leipzig Realität geworden [Bild: Margret Hoppe/ Sebastian Stumpf]

Die Lichtplaner betonen die feinen Rundungen der im Durchschnitt 12 Meter messenden Kugel mit dem richtigen Licht und verleihen dem Beton die für den Architekten typische Leichtigkeit [Bild: Margret Hoppe/ Sebastian Stumpf]

Die Lichtplaner betonen die feinen Rundungen der im Durchschnitt 12 Meter messenden Kugel mit dem richtigen Licht und verleihen dem Beton die für den Architekten typische Leichtigkeit [Bild: Margret Hoppe/ Sebastian Stumpf]

Über den Aufzug erreicht man auf der unteren Ebene den Barbereich. Eine Deckenvoute entlang des Perimeters der Kugel zeichnet die runde Grundrissform nach und blendet die gewölbte Weißbetonschale mit indirektem Licht ein [Bild: Margret Hoppe/ Sebastian Stumpf]

Vor der für Oscar Niemeyer so typischen roten Wand ist die Bar platziert. Sie wird mit direktstrahlenden Einbauleuchten in Szene gesetzt. Darüber hinaus sind der Bartresen und die Regalböden mit möbelintegrierter Beleuchtung versehen [Bild: Margret Hoppe/ Sebastian Stumpf]

Auf der Äquator-Ebene der Kugel befindet sich das Restaurant sowie die Lounge, welche über eine innenliegende freischwebende Treppe von der Bar aus erschlossen wird [Bild: Margret Hoppe/ Sebastian Stumpf]

Im Laufe eines Tages verwandelt sich die Atmosphäre im Restaurantbereich: Tagsüber kann man im lichtdurchfluteten, transparenten Raum den weiten Blick in den Leipziger Himmel genießen [Bild: Margret Hoppe/ Sebastian Stumpf]

In der Dämmerung wird die umgebende Fassadenstruktur eingeblendet und zoniertes Licht verleiht den Tischen Intimität, zugleich bleibt der Blick auf den Sonnentuntergang ungestört [Bild: Margret Hoppe/ Sebastian Stumpf]

In der Nacht charakterisiert eine introvertierte Stimmung den Glaskuppelraum; das geodätische Stahlmaßwerk mit seinen dreieckigen Scheiben aus Liquid Crystal Glas erscheint als geschlossene Hülle [Bild: Margret Hoppe/ Sebastian Stumpf]

Sowohl im Innen- als auch im Außenbereich des Restaurants sorgen batteriebetriebene Tischleuchten für ein zoniertes, intimes Licht auf den Tischflächen [Bild: Margret Hoppe/ Sebastian Stumpf]

Niemeyers Hauptantrieb war immer die Aufmerksamkeit durch Andersartigkeit zu erlangen. „Ich will, dass die Leute stehen bleiben“, „Architektur ist eine Überraschung“ – all dies ist ihm auch mit seinem Spätwerk in Leipzig gelungen [Bild: Margret Hoppe/ Sebastian Stumpf]

Sie betonen die feinen Rundungen mit dem richtigen Licht und verleihen dem Beton die für den Architekten typische Leichtigkeit. Gleichzeitig entsteht dabei eine Atmosphäre zum Genießen und Erleben dieses außergewöhnlichen Ambientes.

Hintergrund
Wenn jemand, der mit seinem Unternehmen HeiterBlick Straßenbahnen in viele deutsche Städte liefert und mit den von Kirow produzierten Eisenbahnkranen Weltmarktführer ist, einen der ganz großen Architekten mit der Bitte um Erweiterung seiner Betriebskantine aufsucht, um seinen ambitionierten Koch zu halten, muss man etwas Außergewöhnliches erwarten. Und so scheint die nach ihrem Verfasser benannte Oscar Niemeyer Sphere vom Himmel gefallen und zufällig auf der Ecke des denkmalgeschützten Kantinenbaus auf dem Gelände der Techne Sphere Leipzig in der Niemeyerstraße gelandet zu sein. Überirdisch wirkt die weiß-schwarze Kugel mit der Perfektion ihrer Form und Oberflächen, mit ihrer unwahrscheinlichen Statik und der stolzen Kompromisslosigkeit, die sich nicht erklären muss.

Doch hinter der 20 Zentimeter dicken Schale aus makellosem Weißbeton stehen schöne und ganz menschliche Geschichten. Zum Beispiel die eines jungen Düsseldorfer Unternehmers, der zusammen mit seinem Vater 1994 einen maroden Ost-Betrieb kauft und nun mit 500 Mitarbeitern die ganze Welt mit seinen Spezialkränen beliefert. Oder die Geschichte des gleichen Mannes, der 17 Jahre später einen Brief an den 104-jährigen Oscar Niemeyer schreibt, ihm berichtet, wie gut ihm seine Bauten in Brasilia, aber ganz besonders das Haus für den Fotografen Florio Puenter in St. Moritz gefallen haben, und ihm den Auftrag für einen Speise- und Tanzsaal auf dem Dach seines Kantinengebäudes anbietet. „Selbstverständlich genießen Sie sämtliche Freiheiten“, schloss er seinen Brief und vielleicht waren es neben der außergewöhnlichen Bauaufgabe auch die kunstsinnige Haltung des Bauherrn und sein Mut mit der Statik an die Grenzen des Machbaren zu gehen, die den großen Architekten überzeugten, seiner schöpferischen Kraft in dem Entwurf einer im Durchmesser 12 Meter messenden Kugel Ausdruck zu verleihen. Eine traurige Wendung nahm die Geschichte, als Niemeyer bereits ein Jahr später im Dezember 2012 starb, doch sein Werk wurde posthum von Jair Valera, seiner rechten Hand des Büros in Rio de Janeiro und Harald Kern, dem lokalen Architekten in Leipzig umgesetzt.


Die Kunst dieser Kugel besteht nicht nur in der Realisierung ihrer sinnlichen Wölbungen, sondern ebenso in ihrer Verschwiegenheit. Denn obwohl sie vorgibt in acht Metern Höhe nur zufällig auf der Ecke der fast 100 Jahre alten Backsteinhalle zu sitzen, ruht sie auf einem ziegelfarbenen Betonschaft, der bündig an den Gebäudekopf gesetzt wurde. Zwei organisch geformte Ausschnitte öffnen die perfekte Betonhülle, geschlossen werden sie mit einem geodätischen Stahlmaßwerk, dessen 147 dreieckige Scheiben aus Liquid Crystal Glas sich der Sonneneinstrahlung entsprechend zur Verschattung schwarz färben lassen. Die Illusion eines Architektur-Follys bleibt perfekt, da keine Treppe, keine Tür die Hülle an sichtbarer Stelle perforiert.

Beleuchtungskonzept
Zu Beginn des Projektes galt es, die Architekturintentionen von Niemeyer im Detail zu verstehen, lesen zu lernen, um diese mit Licht im richtigen Maße zu unterstreichen. Die jahrzehntelange Erfahrung von Jair Valera, Oscar Niemeyers rechter Hand in Rio de Janeiro, und der intensive Austausch mit ihm haben es den Lichtplanern ermöglicht, die Architektursprache richtig zu interpretieren.

Eingangsbereich
Die Erschließung der Sphere erfolgt über den Betonschaft am Gebäudekopf, der eine Liftlobby und den zentralen Aufzug in die oberen Etagen birgt. Die ziegelfarbene Betonoberfläche erstreckt sich auch in das Innere des Schafts und wird sanft durch eine Lichtvoute beleuchtet, die in einem in Richtung der Aufzugstür geneigten Deckensegel integriert wurde. Die Decke wie auch das Licht haben eine wegweisende Funktion.

Barbereich
Über den Aufzug erreicht man auf der unteren Ebene den Barbereich. Eine Deckenvoute entlang des Perimeters der Kugel zeichnet die runde Grundrissform nach und blendet die gewölbte Weißbetonschale mit indirektem Licht ein. Vor der für Oscar Niemeyer so typischen roten Wand ist die Bar platziert. Ein Kunstwerk von Niemeyer an der Rückwand sowie der Bartresen werden mit direktstrahlenden Einbauleuchten in Szene gesetzt. LED Downlights mit Warm-Dimm-Technik erlauben ein sehr goldenes und warmtoniges Licht. Bartresen und Regalböden an der Rückwand sind mit möbelintegrierter Beleuchtung versehen.

Im Boden der Kugel verbirgt sich der Haustechnikbereich, welcher ebenfalls eine Deckenvoute erhielt, um analog zum darüberliegenden Barbereich die organische Form der Innenschale über beide Geschosse auch in der Außenwirkung zur Geltung zu bringen.

Lounge und Restaurant
Auf der Äquator-Ebene der Kugel befindet sich das Restaurant sowie die Lounge, welche über eine innenliegende freischwebende Treppe von der Bar aus erschlossen wird. Während der Servicebereich des Restaurants im hinteren Bereich der Kugel mit einer eingestellten Wand umgeben ist, sitzt man tagsüber im vorderen, lichtdurchfluteten Restaurantbereich unter einer Glaskuppel mit wunderbaren Blickbezügen nach draußen. Als Blend- und thermischer Schutz dienen Flüssigkristallgläser, die je nach Sonneneinstrahlung automatisch verdunkeln. Die 2 m hohe, eingestellte Wand trennt den Servicebereich vom Restaurant und zeigt eine der berühmten Strandskizzen von Oscar Niemeyer auf Azulejos gebrannt.

Um den Lounge- und Restaurantbereich im Obergeschoss für verschiedene Anlässe hausintern, aber auch zur Fremdvermietung nutzen zu können, bietet das Kunstlicht speziell für die Abendstunden verschiedene, einprogrammierte Lichtszenen an. Als Architekturlicht dient zunächst die Indirektbeleuchtung. Justierbare, kleine Strahler sind im oberen Bereich der Trennwand integriert und beleuchten die innere Betonhülle, die wie ein weißer Reflektor fungiert. Weitere kleine Strahler sitzen im schwarzen Bodenlüftungskanal entlang des Perimeters der Kugel direkt neben der Glas-Stahlkonstruktion, um diese sanft mit indirektem Licht einzublenden. Ein weiterer Lichtlayer durch Miniaturstrahler an den Knotenpunkten der Stahlkonstruktion dient zur Direktbeleuchtung des Raumes und der Treppe sowie zur Inszenierung des raumgreifenden Wandbildes. Alle Strahler sind im Ausstrahlwinkel und Kippwinkel justierbar. Um auch während der Abendstunden einen ungestörten Blick in den Leipziger Himmel genießen zu können, war es für die Lichtplanung wichtig, sowohl den Boden, als auch die Tische in einem dunklen Ton zu halten, um Rückreflexionen in den Glasscheiben zu vermeiden. Im Restaurantbetrieb sorgen batteriebetriebene Tischleuchten für ein zoniertes, intimes Licht auf den Tischflächen, während die Deckenstrahler ein atmosphärisches Licht durch entsprechende Dimmbarkeit bieten. Für andere Veranstaltungen wie Vorträge oder Empfänge dienen die Deckenstrahler als Allgemeinbeleuchtung.

Außenbeleuchtung
Ziel der Lichtplaner war es, gerade in den Abendstunden die organische Form der Kugel in ihrer Ganzheit auch von außen erlebbar zu machen. Die Lichtvouten und die Indirektbeleuchtung im Innenraum zeichnen die außergewöhnlichen Volumina im Inneren der Kugel nach. Sie setzen die Wölbungen in Szene und erzeugen eine Tiefenwirkung sowie interessante Blickbezüge von außen in das Innere der Niemeyer Sphere. Auf den Dächern montierte Gobo-Strahler illuminieren die weißen Betonschalen der Kugel und ein sanfter Lichtverlauf verleiht dem Beton eine für den Architekten typische Leichtigkeit. Sowohl das angrenzende Kesselhaus als auch die großen Fensteröffnungen in der Kugel werden durch Spezialmasken ausgeblendet, um damit Blendungen im Inneren zu vermeiden. In den Abendstunden erweckt die Außenbeleuchtung den Eindruck, die Kugel schwebe im dunklen Nichts. Während das Äußere der Kugel bewusst in einer kühleren Lichtfarbe von 4.000 K strahlt, sind die Innenräume entsprechend der Funktionen mit warmem, einladendem Licht von 2.700 K - 3.000 K beleuchtet.

Niemeyers Hauptantrieb war immer die Aufmerksamkeit durch Andersartigkeit zu erlangen. „Ich will, dass die Leute stehen bleiben“, „Architektur ist eine Überraschung“ – all dies ist ihm auch mit seinem Spätwerk in Leipzig gelungen. Man kann nichts anderes tun als stehen zu bleiben und in den Himmel zu schauen - auf die scheinbar schwebende, glühende Kugel.




 
 

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