15. Januar 2019

Ein unterirdisches Gewölbe strebt zum Licht

300 Jahre alt sind die Basilika St. Clemens und damit auch die unterhalb der Oberkirche liegende Krypta, die jetzt umfassend saniert und neu beleuchtet wurde. Aus dem ehemals düsteren unterirdischen Gewölbe wurde ein attraktives Lichtgewölbe, das die Besucher mit hoher Aufenthaltsqualität erfreut.

An allen vier Seiten der Säulen sind Uplights mit einer von Studio DL entwickelten Spezialabdeckung montiert. Sie sorgt für Blendungsminimierung und lässt etwa 50 Prozent Direktlicht bis weit in das Gewölbe strahlen. Der Rest des Lichts ist diffus [Bild: Dirk-Andre Betz, Kaffee, Milch & Zucker]

In dem auf die Mittelachse verlegten Eingangsbereich strahlt das unterirdische Gewölbe dem Besucher schon von weitem freundlich und tageslichthell entgegen [Bild: Dirk-Andre Betz, Kaffee, Milch & Zucker]

Durch die Geste der Gewölbeaufhellung wirkt der Raum tageslichtdurchflutet und öffnet sich nach oben [Bild: Dirk-Andre Betz, Kaffee, Milch & Zucker]

Minaturstrahler, die an Einbauschienen montiert sind, beleuchten die Wandmalerei von beiden Seiten. Die kleinen Büsten erhalten ihr Licht von oben. Sie werfen spannende Schatten an die Wände [Bild: Dirk-Andre Betz, Kaffee, Milch & Zucker]

Hinter der Marienstatue verbirgt sich eine Effektleuchte. Sie lässt den Eindruck entstehen, die Statue würde aus ihrem Inneren heraus leuchten [Bild: Dirk-Andre Betz, Kaffee, Milch & Zucker]

Die Nischenrückwände der drei wichtigsten Exponate beanspruchen beleuchtungstechnisch Priorität. Sie werden von einer Effektleuchte inszeniert [Bild: Dirk-Andre Betz, Kaffee, Milch & Zucker]

Der Torso des Kruzifixes wird dramatisch von Miniaturstrahlern inszeniert, die an beiden Seiten in Einbauschienen montiert sind [Bild: Dirk-Andre Betz, Kaffee, Milch & Zucker]

In der niedersächsischen Landeshauptstadt war die Basilika St. Clemens die erste katholische Kirche nach der Reformation. Auf den Plänen und der Bauleitung des venezianischen Architekten, Hof-  und Bühnendekorationsmalers Tommaso Giusti beruhend, ist sie in Europa die nördlichste Kirche im venezianischen Barockstil.



225 Jahre nach ihrer Fertigstellung wurde die Basilika 1943 Opfer eines heftigen Bombenangriffs, der nur die Außenmauern des Sakralbaus stehen ließ. Der in den Nachkriegsjahren erfolgte Wiederaufbau konnte 1957 abgeschlossen werden. In diesem Zuge erhielt die Basilika ihre bereits von Giusti geplante Kuppel, auf die der originäre Bau zu Anfang des 18. Jahrhunderts aufgrund von Geldmangel hatte verzichten müssen.

Die Krypta, die ursprünglich als Begräbnisstätte genutzt wurde und auch ihrem Architekten als letzte Ruhestätte dient, hatte ebenfalls eine Umgestaltung erfahren. Nach einer kompletten Überflutung während einer Hochwasserkatastrophe 1946 war das Gewölbe, das sich unterhalb der Oberkirche über den gesamten Kirchenraum erstreckt, dreischiffig ausgebildet und mittels einer Treppe mit der Oberkirche verbunden worden. Anlässlich des 300-jährigen Kirchweih-Jubiläums der Basilika St. Clemens erfolgte im vergangenen Jahr eine zweite tiefgreifende Neugestaltung, um das aufgrund von Feuchtigkeit und Bauschäden sanierungsüberfällige, einst als Weinhandlung vermietete, im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzraum und 1943 als Notkirche umfunktionierte Kellergewölbe, zu einem attraktiven sakralen Ort „der Trauer und der Hoffnung“ werden zu lassen.

Das neue Raumkonzept
Mit der Verlegung der Zugangssituation in die Mittelachse ließ das hannoveranische Architekturbüro Hübotter, Stürken und Dimitrova eine gerade Sichtachse in Richtung Altar entstehen. Sodann verorteten die Architekten und der Regionaldechant Propst Martin Tenge die Themen Trauer und Hoffnung sowohl gestalterisch als auch mit ihren aus den Betrachtungswinkeln ersichtlichen Exponaten, wie der Marienstatue oder dem Kruzifix-Torso, jeweils an den Längs- und Querachsen. Mit ihrer Ruhe ausstrahlenden Gestaltung bietet die Krypta den Kunstwerken einen adäquaten Raum.

Ein gestalterisch spirituelles Highlight bietet ein Acrylglasstab, der kurz vor dem Altar durch die einen Meter dicke Decke zur Oberkirche geführt wurde. Von Tageslicht erhellt, stellt er symbolisch die Verbindung zum Himmel her.

Zum Gelingen des architektonischen Entwurfsziels – einem Einklang aus robuster Bauweise und Ästhetik sowie einer Aufhellung des unterirdischen Raums – trägt neben hellen Bodenfliesen, strahlend weißem Mauerputz und schlichtem Mobiliar aus heller Eiche vor allem das subtile Beleuchtungskonzept von Studio DL bei, das den Raum scheinbar aus sich selbst heraus leuchten lässt.

Leuchtenkörper und Lichtquellen sind kaum sichtbar
Dieser Effekt wurde durch die Erschaffung eines Lichtraumes erzielt, der aus der Aufhellung des Gewölbes generiert und – in den Querschiffen und am Eingang  – von der Hinterleuchtung der Buntglasfenster sowie insgesamt von dem Einsatz besonders kleiner und damit kaum sichtbarer Leuchtenkörper unterstützt wird. Zudem sind die Lichtquellen der Downlights, welche zur Grundbeleuchtung in die Scheitelpunkte der Gewölbe eingebaut sind, aufgrund ihrer Darklight-Technologie unsichtbar. Zugunsten der Aufenthaltsqualität wurden die Helligkeit und die Homogenität der Leuchten generell erhöht.

Spezialabdeckung führt das Licht weit in das Gewölbe
Zur Aufhellung der Decke und zur Unterstützung der Gewölbe-Rhythmik im Hauptschiff und in den Nebenschiffen wurden an allen vier Seiten der Stützen nach oben strahlende Anbauleuchten montiert. Mittels einer von Studio DL unterhalb der mikroprismatischen Abdeckungen aufgebrachten Folie ist der Lichtaustritt zur Hälfte diffus und zur anderen Hälfte direkt. Damit wird eine intensivere Ausleuchtung weit in das Gewölbe hinein erzielt. Die Optimierung der Optik sorgt außerdem für eine ausgezeichnete Entblendung, so dass die Besucher der Krypta die unter Augenhöhe montierten Leuchten komfortabel passieren können.

Da sich die kleinen Downlights für die Grundbeleuchtung dezent in die Architektur integrieren sollten, wurden sie inklusive der Vorschaltgeräte in Unterputzdosen in die Gewölbe eingebaut. Bei einer 300 Jahre alten Bausubstanz stellte diese Intervention eine bauliche sowie statische Herausforderung dar, denn das Mauerwerk musste zuvor großformatig aufgestemmt werden. Zur Reduzierung der Blendung wurden die Downlights mit Darklight-Blendringen versehen, welche die Lichtpunkte unsichtbar machen. Aufgrund dieses Effekts einer Raumaufhellung ohne offensichtliche Lichtquellen treten die Leuchten nicht in Konkurrenz mit den anderen Beleuchtungskomponenten. Die Geste der Helligkeitsgenerierung im oberen Raumbereich, die für eine Weitung und Öffnung sorgt, bleibt somit ungestört erhalten.

Dramatische Inszenierung der Exponate
Gegenüber der neutralen und flächigen Raumbeleuchtung sollte die Akzentbeleuchtung die Exponate dramatisch inszenieren, um deren liturgische Bedeutsamkeit und Schönheit zu betonen. Die Kunstwerke werden von beiden Seiten durch Miniaturstrahler in Einbauschienen beleuchtet, welche die Plastizität der Exponate fein hervorheben. Durch die Ausrichtung der flexiblen Strahler werfen der Torso eines Kruzifixes und die Marienfigur spannende Schatten. Auch der als Unikat geschaffene, mit einer feinen Rostschicht überzogene Altar aus Stahl wird in der gleichen Weise von Miniaturstrahlern inszeniert. Die Wahl einer im Vergleich zur Grund- und Gewölbebeleuchtung wärmeren Lichtfarbe lässt die Exponate im Raum hervorstechen.

Priorität jedoch beanspruchen die Nischenrückwände der drei wichtigsten Ausstellungsstücke, die zu diesem Zweck zusätzlich mit einer Effektleuchte erhellt werden. Die Marienstatue bspw., welche die Leuchte bei frontalem Anblick verdecket, erweckt dadurch den Anschein, Licht aus ihrem Inneren heraus zu transmittieren.

Mit ihrer neuen Lichtsprache wirkt die attraktive neu gestaltete Krypta aufgeräumt und öffnet sich lichtdurchflutet nach oben. Aufgrund dieses Effekts vergisst der Besucher völlig, dass er sich in einem unterirdischen Gewölbe befindet. Auf unterschiedliche Veranstaltungen kann der Raum heute interaktiv reagieren. Denn in Abstimmung mit dem Nutzer können programmierte Lichtszenarien abgerufen werden. Da sich die stationären Bedienelemente sowohl in Eingangsnähe als auch in unmittelbarer Nähe des Altars befinden, können sie auch während fortschreitender Feierlichkeiten bedient werden.

Die Sanierung, Umgestaltung und Beleuchtung der Krypta der Basilika St. Clemens zeigt, wie man einen unwirtlichen Raum zu einem erhabenen, lichterfüllten Ort mit hoher Aufenthaltsqualität transformieren kann. Der Terminkalender spricht für sich. Nie zuvor hat es in der Krypta derart viele und unterschiedlichste Veranstaltungen gegeben.




 
 

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